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Provenienzforschung zur Kraftfahrzeugsammlung

Ein erster Anlauf zu einer systematischen Überprüfung der Sammlung auf mögliches NS-Raubgut wurde 2010 in Kooperation mit dem Technischen Museum Wien mit einem Provenienzforschungsprojekt zur Kraftfahrzeugsammlung gemacht. Die Sammlung wurde in wesentlichen Teilen in der NS-Zeit aufgebaut. Bei einem Viertel der heute noch vorhandenen Autos, Motorräder und Motoren mit Baujahr bis 1945 stufte das Projekt die Herkunft als unbedenklich ein. Bei den anderen war die Provenienz anhand der vorhandenen Unterlagen nicht mehr genauer zu ermitteln.

Analysen zur Herkunft eines Jagdflugzeugs

Eindeutiger fiel das Ergebnis der Untersuchungen aus, die 2020 an einem Jagdflugzeug Fokker D.VII von 1918 vorgenommen wurden. Das in der Flugwerft Schleißheim ausgestellte Flugzeug gehört zu einer Reihe von Exponaten aus der Deutschen Luftfahrtsammlung Berlin, die das Deutsche Museum nach Kriegsende über die amerikanische Militärregierung erhalten hat. Seit Entfernung eines nicht-originalen deutschen Tarnanstrichs im Jahr 1980 war bekannt, dass das Flugzeug ursprünglich aus dem Bestand der niederländischen Marine stammte. Die 2020 im Rahmen einer konservierungswissenschaftlichen Masterarbeit durchgeführten Analysen ergaben, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um ein Flugzeug aus der Sammlung des Nationalen Luftfahrtmuseums der Niederlande handelt, das nach der deutschen Besetzung der Niederlande 1940 vom NS-Regime verschleppt worden ist.

Erstcheck der Objektzugänge 1933-1945

2021 wurden alle Erwerbungen zwischen 1933 und 1945 einem systematischen Erstcheck auf verdächtige Zugangsdaten unterzogen. Dazu wurde die Sammlungsdatenbank automatisiert mit einschlägigen Namenslisten wie der ALIU List of Red Flag Names abgeglichen, auf kritische Institutionen und Begriffe geprüft und kursorisch auf verdächtige Ankäufe und Schenkungen von Privat gesichtet. Dabei hat sich gezeigt, dass es bei einer mindestens dreistelligen Zahl von Exponaten zumindest Verdachtsmomente für eine mögliche Provenienz aus NS-Kontexten gibt. Im Fall eines 1942 zugegangenen russischen Vorhängeschlosses hat sich dieser Verdacht bereits erhärtet.

Ein problematischer Nachlass

Für den Zeitraum nach 1945 steht ein systematischer Erstcheck noch aus. Mit Sicherheit näher zu überprüfen ist jedoch die umfangreiche Kunst-, Antiken-, Mineralien- und Musikaliensammlung des 1978 verstorbenen Pforzheimer Metallfabrikanten Max Bühler, die das Deutsche Museum 1995 als Vermächtnis erhalten hat. Da Bühler in anderem Kontext nachweislich zu den Profiteuren der "Arisierungen" in Baden-Württemberg gehörte, ist eine genauere Provenienzrecherche unerlässlich.

Nächste Schritte

Um den Verdachtsfällen weiter nachzugehen und die begonnenen Recherchen mit personeller Verstärkung fortzuführen, wurde dem Deutschen Museum vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste eine Förderung für das Projekt Verdächtige Provenienzen – Recherche nach NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut im Bestand des Deutschen Museums bewilligt. Das auf zwei Jahre angelegte Provenienzforschungsprojekt startet voraussichtlich Mitte 2022.

Symbolbild zum Artikel "Wo anfangen? Ein Grob-Survey zu möglichen NS-Provenienzen am Deutschen Museum": Screenshot Datenbank und Detailfoto eines Reißzeugs.

Publikationen aus dem Verlag des Deutschen Museums:

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