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Technik fremder Völker als didaktischer Ersatz

Viele dieser Objekte wurden bereits in der Gründungsphase des Deutschen Museums (1903-1925) erworben. Gemäß der bis heute in der Satzung festgeschriebenen Zweckbestimmung des Museums wurden die Ausstellungen damals meist als technische Fortschrittsreihen konzipiert. Weil zur Veranschaulichung der frühesten Entwicklungsstufen oft keine geeigneten historischen Exponate existierten, setzte man an deren Stelle regelmäßig Objekte außereuropäischer Völker ein.

Das Deutsche Museum folgte hier einer in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in den Kulturwissenschaften dominierenden Theorie, die später als "Evolutionismus" bezeichnet wurde: Unter dem Einfluss der Naturwissenschaften ging man davon aus, dass auch die (kulturelle) Entwicklung der Menschheit vorgegeben Gesetzen folgt und daher im Wesentlichen überall gleich verläuft. Die (vermeintlich) einfacheren außereuropäische Kulturen der Gegenwart betrachtete man als entwicklungsgeschichtliche Relikte, die, systematisch, auf der gleichen Stufe standen wie frühere Stadien der westlichen Zivilisation.

Während in der zur gleichen Zeit als universitäre Disziplin entstehenden Völkerkunde zunehmend die Probleme und Grenzen dieser Theorie gesehen wurden (empirisch nicht haltbar, ahistorisch, ethnozentrisch usw.), lebt deren Grundidee in den Ausstellungen des Deutschen Museums noch lange fort: Noch Ende der 1950er Jahre ließ man sich in Ermangelung authentischer Exponate zur Darstellung der historischen Indigofärberei und Eisenverhüttung in der Ausstellung "Frühe Chemische Künste" ersatzweise zeitgenössische Objekte und Fotos aus Afrika besorgen. "Da sie in Europa handwerklich ausgestorben ist, nehmen wir sie aus der historischen 'Konservenbüchse' in Kamerun", heißt es dazu in einem im Verwaltungsarchiv zu findenden Dokument (VA 1323/2).

Eine Wunschliste an die deutsche Kolonialverwaltung

Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Beschaffung solcher Exponate durch die bis dahin bestehenden deutschen Kolonialgebiete erleichtert: Nicht wenige Objekte gehen auf eine Wunschliste zurück, die das Deutsche Museum 1911 an die Verwaltungen der deutschen Kolonien in Afrika verschickte.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Gegenstände unrechtmäßig oder mit Gewalt erworben wurden. Auch in Fällen, wo die Beschaffung direkt durch die Kolonialverwaltung erfolgte, gibt es zum Teil Belege, dass die Objekte durch Kauf oder im Tausch erworben worden sind (so z. B. bei einer Sammlung von Schmiedewerkzeugen aus Deutsch-Togo). Der von Gewalt und eklatanten Machtasymmetrien geprägte Gesamtkontext macht eine Bewertung aber auch in solchen Fällen schwierig.

Händler, Sammler, Forschungsreisende

Wie andere Museen war das Deutsche Museum auch Kunde bei professionellen Ethnografikahändlern wie J.F.G. Umlauff, Julius Konietzko, Carl Hoppe und den Brüdern Marquardt. Über die Umstände der Ersterwerbung der Objekte ist in solchen Fällen oft nichts bekannt. Zum Teil wurden auch Sammlungen von anderen Sammlern übernommen. Ein größerer Bestand an Objekten und Modellen zur Eisentechnik im ehemaligen Deutsch-Kamerun stammt aus einer Expedition des deutschen Forschungsreisenden Günter Tessmann von 1913/14. Die letzte größere Erwerbung mit kolonialem Hintergrund fand 1959 statt: Eine vom Schweizer Reiseschriftsteller und –fotografen René Gardi zusammengetragene Sammlung zur Eisengewinnung und Schmiedetechnik im nunmehr unter französischem Mandat stehenden Norden Kameruns.

Mehr zur Geschichte einzelner Exponate:

Koloniale Materialien

Noch weitaus größer dürfte die Zahl an Exponaten mit kolonialen Materialien in der Sammlung des Deutschen Museums sein. Dazu gehören zum Beispiel Elfenbein und Tropenhölzer, die auch in vielen technischen Geräten verbaut worden sind. Der wichtigste Kolonialrohstoff im technischen Bereich war aber lange ein Pflanzensaft: Kautschuk.

Als Grundlage für die Herstellung von Gummi war Kautschuk für viele Entwicklungen moderner Technik, darunter Mobilität (Luftreifen!) und Elektrotechnik (Kabelisolierungen!), essentiell. Allein die Zahl elektrischer Geräte mit Kabelummantelungen auf Kautschukbasis im Bestand des Deutschen Museums geht in die Tausende.

Im Detail sind jedoch viele Fragen sowohl zur technikhistorischen Bedeutung als auch zur Provenienz des Kautschuks offen. In Zusammenarbeit mit unserer Restaurierungsforschung ist geplant, solchen Fragen näher nachzugehen.

Koloniale Technik

Ein prominentes Beispiel für Technik, die kolonialen Zwecken diente, ist die in der Ausstellung Schifffahrt gezeigte Brücke eines Woermann-Dampfers. Ein anderes Beispiel ist das Indoeuropäische Telegrafensystem von Siemens & Halske in der Sammlung Nachrichtentechnik: Das System wurde um 1870 von Werner von Siemens für die britische Regierung entwickelt, um die Kommunikationszeit zwischen London und der Kolonialverwaltung in Indien zu verkürzen. Technik- und Kolonialgeschichte sind hier gleich doppelt miteinander verflochten. Die streckenweise Verlegung des Telegrafenkabels unter See war nämlich nur dank einer weiteren Erfindung von Werner von Siemens möglich: der wasserdichten Isolierung des Kabels mit Guttapercha, ein kautschukähnliches Material, das aus den britischen und niederländischen Kolonialgebieten in Südostasien kam. Die Kolonien lieferten also den Rohstoff für eine Erfindung, die es ermöglichte, die Kolonisierung noch effizienter voranzutreiben.

Speziell für den Einsatz in den Kolonien entwickelte Technik findet sich auch in der Sammlung Fotografie (diverse Tropenkameras), der Bautechnik (Modelle von transportablen Tropenfertighäusern) und weiteren Fachgebieten.

Eine Übersicht über die kolonialen Sammlungsbestände des Archivs, darunter Nachlässe und Firmenschriften, findet sich in dieser Veröffentlichung unseres Archivs:

Download PDF: Archiv-Info, 2020 Heft 1

Mehr zum Thema koloniale Technik:

Matthias Röschner zeigt eine Übersichtskarte des Gesamtprojekts.

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