
Bild: Deutsches Museum
"Die Motten sind unser größter Feind"
Eine Ausstellung im Verkehrszentrum zeigt, was Schädlinge in einem Museum anrichten können – und welche Rolle der Klimawandel dabei spielt.
Bei manchen Objekten und Bildern in dieser Ausstellung können sich auch Besucherinnen und Besucher ein wenig gruseln. Aber am meisten graut es wohl den Museumsmitarbeitern selbst, wenn sie sehen, was Ungeziefer mit den unersetzlichen Objekten in ihrer Sammlung angerichtet hat. Die Ausstellung „Hier nagt nicht nur der Zahn der Zeit“ des Naturhistorischen Museums Wien ist vom 16. Januar an im Verkehrszentrum des Deutschen Museums zu sehen. Und zeigt eindrucksvoll, welch harten Kampf Restauratoren mit den Tierchen ausfechten, um ihre Sammlung zu schützen.
Die Eule sieht aus wie ein arg gerupftes Huhn, die 1000-Mark-Banknote ist gerade noch so als solche zu erkennen, Buchseiten und Schmetterlingssammlungen wurden geradezu aufgefressen: Schäden wie diese sind in der Ausstellung dokumentiert und zeigen, wie gravierend das Problem mit dem Schädlingsbefall in Museen wirklich ist. In den Vitrinen der Ausstellung werden viele solcher Schäden gezeigt. Das Fotokunstprojekt „Zeugnisse der Zerstörung“ des bekannten österreichischen Fotografen Klaus Pichler und großformatige Fotos, die Udo Schmidt von den Museumsschädlingen gemacht hat, ergänzen die Ausstellung.
Pascal Querner, Biologe und Experte für Museumsschädlinge am Naturhistorischen Museum, der die Ausstellung konzipiert hat, sagt: „Auch der Klimawandel spielt für den Schädlingsbefall eine Rolle: Durch höhere Temperaturen vermehren sich die Tierchen schneller, in historischen Museumsgebäuden bildet sich durch die veränderten Klimabedingungen verstärkt Schimmel. Wir stehen in den Museen vor der Herausforderung, Hunderttausende Objekte langfristig vor einem Befall zu bewahren. Und viele Objekte sind so selten oder gar einzigartig, dass sie nicht ersetzt werden können.“
Das ist nicht nur am Naturhistorischen Museum in Wien so, sondern auch beim Deutschen Museum in München. Die Leiterin des Verkehrszentrums, Bettina Gundler, sagt: „Tatsächlich ist das Thema gerade auch für uns im Verkehrszentrum wichtig. Seien es Pferdewagen, die vom Holzwurm befallen wurden oder Textilien in Automobilen, die von Kleidermotten gefressen werden.“
So war auch ein Oldtimer der Marke Minerva, der 2003 von der Museumsinsel ins Verkehrszentrum umzog, der dramatischste Fall einer Schädlingsattacke im Deutschen Museum. „Da haben wir den Kofferraum des Autos aufgemacht, und es kam uns eine ganze Wolke von Motten entgegen“, erzählt Elisabeth Knott, Leiterin der Restaurierungswerkstätten des Deutschen Museums. Motten fressen jegliche Tierhaare – und damit auch die Polster von älteren Autos.
Verena Reitz, die sich seit 19 Jahren um die Schädlingsbekämpfung im Verkehrszentrum kümmert, sagt: „Die Motten sind tatsächlich der größte Feind unserer Museumssammlung.“ Sie können über Ritzen und Fenster ins Museum kommen, über selten getragene Kleidungsstücke der Besucherinnen und Besucher, aber auch mit neuen Exponaten. „Deshalb schauen wir uns neue Objekte immer sehr genau an.“ Regelmäßig kontrolliert Reitz die Klebe- und Pheromonfallen, die genau erkennen lassen, ob es gerade mehr Schädlinge gibt. Sie kann sich zum Beispiel an einen Bollerwagen für eine Sonderausstellung erinnern, der von Holzwürmern befallen war: „Den haben wir durch vorsichtiges Erwärmen wieder schädlingsfrei gemacht. Gift benutzen wir – mit Rücksicht auf Besucher und Museumspersonal – gar nicht mehr.“
Das war früher anders. Der Einsatz von Arsen und DDT war in Museumsdepots üblich. Heute bemüht man sich um eine giftfreie Bekämpfung – beispielsweise, indem man Objekte einfriert, erhitzt oder mit Stickstoff begast, um die ungebetenen Gäste unschädlich zu machen. Vor allem aber setzen Museumsmenschen heute auf Prävention und Kontrolle: Gerade neu hinzukommende Objekte werden penibel auf Schädlingsbefall geprüft, Schädlingsfallen in den Museumsdepots erlauben eine Überwachung und Zählung der Tiere.
Das Deutsches Museum betreibt Depots mit einer Gesamtfläche von rund 50.000 Quadratmetern, denn nur zehn Prozent der gesammelten Objekte werden tatsächlich in den Ausstellungen gezeigt. Hunderte von Klebefallen, Pheromonfallen gegen Kleidermotten, spezielle Fallen für Papierfischchen und elektrische Insektenfallen werden in den Depots regelmäßig untersucht und sorgen damit für eine permanente Überwachung. Sollte doch ein Objekt befallen und für eine Kältekur geeignet sein, kommt es in eine Tiefkühltruhe, denn die Kälte tötet die Schädlinge. Man setzt auch Schlupfwespen gegen die ungebetenen Gäste ein – als Museumsnützlinge, die Motten fressen. Auch ungewöhnliche Methoden helfen gegen die Schädlinge. Ein Mercedes Simplex von 1905, der ebenfalls von Motten befallen war, wurde mit Alufolie luftdicht verpackt und dann mit Stickstoff gespült. Auch das überlebten die Motten nicht.
Und es sind nicht nur Exponate, die in Gefahr sind: Auch die Bücher in der Bibliothek des Deutschen Museums sind bedroht – durch Schimmel, aber auch durch das gefürchtete Papierfischchen, das sich durch Klimawandel und Globalisierung immer weiter in Europa ausgebreitet hat. Eva Bunge, stellvertretende Bibliotheks-Leiterin des Deutschen Museums: „Wir haben viele Bücher mit Fraßspuren von Papierfischchen, sogar an unseren kostbaren Rara-Beständen. Und wenn man einmal Papierfischchen hat, wird man die kaum mehr los.“ Auch Schimmel ist ein Problem: „Wenn Bücher feucht werden, kommt es schnell zu Schimmelbefall“, sagt Bunge. Der das Papier schädigt, aber auch ein gesundheitliches Risiko für Bibliotheksbenutzer darstellt. Die Bücher werden dann einer Trockenreinigung unterzogen – mit Schwämmen, Pinseln oder Staubsaugern. Die vom Schimmel hinterlassenen Spuren bleiben jedoch auf dem Papier zurück – wie bei dem Exemplar des Buches „Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande“ von 1759, das in einer Vitrine in der neuen Sonderausstellung im Verkehrszentrum zu sehen ist. Auch der Teil eines Pfluges aus der Sammlung des Deutschen Museums, der schwer von Holzwürmern in Mitleidenschaft gezogen und dann durch Einfrieren gerettet wurde, ist hier ausgestellt. Wenn man hier so sieht, wie stark die Objekte unter den Schädlingen leiden, kann man sich schon ein wenig gruseln. Nicht nur als Museumsmitarbeiter.

Bild: CHLOE POTTER/NHM | NHM_WIEN_CHLOE_POTTER
Bild 1/5
Beispiele für Schädlinge und befallene Objekte aus dem Naturhistorischen Museum Wien.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: NHM Wien, Chloé Potter

Bild: CHLOE POTTER/NHM | NHM_WIEN_CHLOE_POTTER
Bild 2/5
Pflanzen und Insekten in einer Tiefkühltruhe: In der Sonderausstellung werden auch Schutzmaßnahmen gegen Schädlingsbefall gezeigt.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: NHM Wien, Chloé Potter

Bild: CHLOE POTTER/NHM | NHM_WIEN_CHLOE_POTTER
Bild 3/5
Ein ausgestopfter Fuchs in Plastikfolie eingehüllt, im Hintergrund sind die Bilder der Serie “Zeugnisse der Zerstörung” von Claus Pichler an der Wand zu sehen.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: NHM Wien, Chloé Potter

Bild: CHLOE POTTER/NHM | NHM_WIEN_CHLOE_POTTER
Bild 4/5
Großformatige Bilder von Udo Schmidt zeigen auf Leuchttafeln die Schönheit der Schädlinge.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: NHM Wien, Chloé Potter, Originalfotografien Dr. Udo Schmidt

Bild: Deutsches Museum