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Am 1. Mai geht Bettina Gundler in Ruhestand. Die promovierte Historikerin kam 1993 als Kuratorin für Luftfahrt ins Deutsche Museum. Zuvor hatte die gebürtige Niedersächsin in Hannover und Braunschweig studiert und unter anderem am Historischen Institut der TU Braunschweig gearbeitet und geforscht. In München wurde Bettina Gundler 1995 zur ersten Gleichstellungsbeauftragten im Deutschen Museum, ab 2003 Oberkuratorin für Straßenverkehr und vorindustriellen Landverkehr und war dann maßgeblich am Aufbau des Verkehrszentrums beteiligt. Am 1. Januar 2015 übernahm sie schließlich die Leitung der Zweigstelle auf der Theresienhöhe. „Bettina Gundler hat im Deutschen Museum und für das Deutsche Museum so viel bewegt“, sagt Michael Decker, der Generaldirektor des Deutschen Museums. „Ihre große Kompetenz – nicht nur in Sachen Mobilität – wird uns sehr fehlen!“

Im Abschieds-Interview zieht Bettina Gundler Bilanz nach 33 Jahren im Deutschen Museum und verrät ihre Pläne für die Zeit danach:

Wie wurde aus einer Sozialhistorikerin eine Kuratorin und Museumsleiterin?
Bettina Gundler: Ich habe mich in München eigentlich auf eine Habilitationsstelle im Forschungsinstitut am Deutschen Museum beworben. Und wie der Zufall es wollte, war bei meinem Vorstellungsgespräch auch der Abteilungsleiter der Luftfahrt dabei. Der konnte sich sofort vorstellen, dass ich Kuratorin werde. Ich bin also ein bisschen dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind, würde ich sagen. Dass daraus eine Beziehung für ein halbes Leben werden sollte, habe ich natürlich nicht geahnt.

Sie wurden dann auch noch die erste Gleichstellungsbeauftragte im Deutschen Museum. Wie herausfordernd war das?
Gundler: Als ich im Museum angefangen habe, waren Frauen im kuratorischen Bereich noch die Ausnahme. Es gab schon Frauen im Museum, aber eher in der dritten und vierten Reihe. Und speziell in der Verwaltung saßen einige Hardliner, mit denen es nicht ganz leicht war. Besonders, als wir dann das Verkehrszentrum entwickelt haben, wurden wir sehr angefeindet. Da hat sich einmal ein Hauptabteilungs-
leiter vor mir aufgebaut und gefragt ‚Was kann ich tun, um Sie zu beseitigen?‘ Einige Kolleginnen und ich haben deshalb das Thema Gleichstellung auf die Tagesordnung des Museums gebracht.

Wie sehen Sie die Situation heute? 
Gundler: Ich hatte damals immer das Gefühl, man muss sehr tough sein, um das auszuhalten. Das Gefühl habe ich heute nicht mehr. Es sind viel mehr Frauen im Museum unterwegs. Und auch die Männer, die heute im Museum arbeiten, haben sichtbar veränderte Rollenbilder von Mann und Frau im Kopf. Natürlich haben wir immer noch keine komplette Gleichstellung, aber das ist ja nicht nur ein Museumsproblem.

Also würden Sie einer jungen Frau heute empfehlen, im Deutschen Museum zu arbeiten? 
Gundler: Ich würde sowohl jungen Männern als auch jungen Frauen empfehlen, ans Museum zu gehen. Kuratorin ist für mich wirklich ein Traumjob gewesen. Man kann sich mit jeder Ausstellung irgendwie neu erfinden. Es ist eine Riesenpalette von Aufgaben, die man da angehen darf und stemmen kann. Man kann viele spannende Sammlungsstücke und Themen ergründen und hat dann die Chance, das weiterzugeben. Für mich war die Vermittlungsebene von Tag eins an immer präsent und ganz wichtig. Ich wüsste keine andere Legitimation für ein Museum, als seine Schätze zu präsentieren und ans Publikum zu bringen.

Haben Sie denn einen besonderen Liebling unter den Museums-Schätzen? 
Gundler: Das eine Lieblingsobjekt habe ich nicht, aber grundsätzlich schätze ich Objekte besonders, die Geschichten erzählen können, weil sie eine ganz besondere Provenienz haben oder weil sie ein Rädchen in der Geschichte des Verkehrs gedreht haben. Und davon haben wir ja schon ein paar, wie den Benz-Patentmotorwagen, den Protos, der beim ersten Straßenrennen um die Welt mitgefahren ist, oder auch den Tatra-Stromlinienwagen.

Was waren die Höhepunkte in Ihren 33 Museumsjahren?
Gundler: Dass ich hier die Chance hatte, ein ganzes Museum mit aufzubauen, das ist für mich natürlich ein Highlight meines Berufslebens – das Verkehrszentrum, das mit seinen 12.000 Quadratmetern und inzwischen über 170.000 Besucherinnen und Besuchern pro Jahr immerhin zu den fünf Prozent der größten deutschen Museen gehört! Und dann gibt es natürlich einzelne Highlights, die mich thematisch wirklich mitgerissen haben. Da gehört zum Beispiel die Ausstellung über Pilgerreisen dazu, weil mich das in ein Genre geführt hat, von dem ich als evangelisch getaufte Agnostikerin eher weit entfernt bin. Da habe ich sehr viel über meine Wahlheimat Bayern gelernt. Und die ‚Balanceakte‘ zum 200. Geburtstag des Fahrrads waren auch für mich auch ein Highlight. Es war die größte Sonderausstellung, die wir bislang gemacht haben. Und ich habe weder vorher noch nachher jemals so effektiv mit einem gut gelaunten Team aus Museumsmitarbeitenden und externen Gestaltern auf den Punkt hingearbeitet. Das war für mich ein ganz, ganz tolles Projekt, auch weil wir damit viele Besuchende erreicht haben, die das Fahrrad schätzen. Tendenziell hat unsere Sammlung vorher mehr Auto- und Eisenbahnfreunde angesprochen.

Und wie geht es weiter? 
Gundler: Für das Verkehrszentrum sehe ich hoffnungsvoll in die Zukunft. Themen gibt es in diesem Bereich endlos viele. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir alle in zehn Jahren immobil sind, geht gegen null. Aber man muss ein bisschen Gespür dafür entwickeln, was zeitgemäß ist, gerade für Sonderausstellungen. Ich hätte gerne noch eine Ausstellung zum ‚Gehen‘ auf den Weg gebracht. Und vielleicht können die Kollegen die Ideen, die wir schon diskutiert haben, irgendwann auch umsetzen. Aber dafür braucht es Geld, Personal und neue Exponate, also auch eine längere Vorbereitung. Eine Ausstellung, die uns von der Kulturgeschichte des Gehens über die menschliche Bewegungsmechanik bis hin zu Verkehrspolitik und Stadtgestaltung - Stichwort 15-Minuten-Stadt – führt, das wäre ein super Akzent, der nach meinem Gefühl durchaus auch die aktuelle Debatte um nachhaltige Mobilität bereichern könnte. 

Was werden Sie nach dem 30. April vermissen? 
Gundler: Einmal werde ich natürlich die Menschen vermissen, mit denen ich jetzt zusammenarbeite. Ich kann jedenfalls von mir sagen, dass ich immer gerne mit dem Team im Verkehrszentrum und den Kollegen und Kolleginnen auf der ‚Insel‘ zusammengearbeitet habe. Und das gilt für die ganze Mannschaft hier im Haus, nicht nur für die Kuratoren. In der Sache würde ich tatsächlich gucken, ob ich nicht punktuell hier und da noch ehrenamtlich helfen kann, wenn es zum Beispiel darum geht, Texte zu schreiben oder mal einen Katalog zu bearbeiten. Ich bin halt sehr inhaltsgesteuert. Ich muss nicht unbedingt ein Museum leiten, aber ich liebe es, mich mit den Themen zu beschäftigen, die unsere Sammlung kontextualisieren. Wenn ich irgendwo stehe und rede, dann geht mein Puls rauf. Wenn ich mich aber an den Schreibtisch setze und anfange, mich einzulesen und Texte zu schreiben, geht mein Puls runter. Ich entspanne mich beim Arbeiten – wenn ich die richtige Arbeit mache. Das werde ich natürlich schon vermissen.

Keine Angst vor Langeweile? 
Gundler: Vor mir liegt die Auflösung einer Wohnung, die sehr vollgestopft ist, und dann ein Umzug nach Norddeutschland. Das wird mich in den nächsten zwölf Monaten ganz schön beschäftigen. Außerdem bleibe ich dem Museum als ehrenamtliche Rechercheurin erhalten und hätte große Lust, auch nochmal der vorindustriellen Mobilitätsphase nachzugehen. Mal sehen, was dabei rauskommt. Wenn man arbeitet und Kinder hat wie ich, bleibt mitunter das direkte soziale und gesellschaftliche Engagement etwas auf der Strecke. In meinem neuen Umfeld werde ich mir deshalb einen Bereich suchen, wo ich sozial wirksam sein kann, sei es in der Leseförderung von Schülern, sei es in der Bürgerhilfe. Ich interessiere mich für vieles und gehe gerne neue Projekte an – insofern habe ich überhaupt keine Angst, dass es zu langweilig wird. 

Bild 1/3

Bettina Gundler, die Leiterin des Verkehrszentrums des Deutschen Museums.

Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk

Foto: Deutsches Museum

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Bild 2/3

Bettina Gundler 2017 bei der Eröffnung der Sonderausstellung “Balanceakte” zu 200 Jahren Radfahren (mit ihr schneiden Hans-Peter Wessels und Wolfgang Heckl das grüne Band durch).

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Foto: Deutsches Museum

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Bild 3/3

Der Protos, der 1908 bei der ersten Rallye um die Welt teilgenommen hatte, gehört  zu den “Lieblingsobjekten” von Bettina Gundler. Hier erzählt sie im Jahr 2013 bei einer Führung von seiner spannenden Geschichte.

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Foto: Deutsches Museum

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