
Bild: Deutsches Museum, München | Hubert Czech
Bewegende Briefe
Beim Tag der Archive wird in München erstmals auch die Korrespondenz der Physikerin Charlotte Houtermans gezeigt.
Alle zwei Jahre gibt es den Tag der Archive – den Aktionstag, an dem Archive in Deutschland die Öffentlichkeit auf die Bedeutung ihrer Arbeit aufmerksam machen. Auch das Archiv des Deutschen Museums beteiligt sich. Das Archiv stellt die Nachlässe der Physikerin Charlotte Houtermans und des Chemikers August Kekulé am Samstag, 7. März, in einer Ausstellung im LMU-Archiv vor.
Das Thema des bundesweiten Tags der Archive ist „Alte Heimat – neue Heimat“. Und Nachlässe von Menschen, die während der NS-Diktatur emigriert sind, gibt es auch im Deutschen Museum. Wie die bewegenden Briefe der Physikerin Charlotte Houtermans (1899–1993). Houtermans hat eine wirklich abenteuerliche Lebensgeschichte: Sie studierte in Göttingen Physik. Zu ihrem Freundeskreis gehörten berühmte Wissenschaftler wie der „Vater der Atombombe“ Robert Oppenheimer oder der Nobelpreisträger Wolfgang Pauli. Mit ihrem Mann, dem Physiker Fritz Houtermans, floh die Jüdin 1933 vor den Nationalsozialisten – nur um später in der Sowjetunion in den „Großen Terror“ unter Stalin zu geraten. Während Fritz verhaftet wurde, gelang Charlotte mit zwei kleinen Kindern eine dramatische Flucht über mehrere Länder bis in die USA. Dort setzte sie ihre akademische Laufbahn fort und kämpfte jahrelang unermüdlich für die Freilassung ihres verschollenen Manns. Der Leiter des Archivs des Deutschen Museums, Matthias Röschner, sagt: „Sie hat viele Wissenschaftler dazu bewegt, Unterstützerbriefe für ihren Mann zu schreiben – Nobelpreisträger wie Albert Einstein, Niels Bohr, Max von Laue, Wolfgang Pauli sowie Frédéric und Irène Joliot-Curie.“
„Ihr Lebenslauf liest sich über weite Strecken wie ein Politthriller“, sagt Sina Brückner-Amin, seit kurzem stellvertretende Leiterin des Archivs im Deutschen Museum. „Sie hat sich beim Generalstaatsanwalt der Sowjetunion für ihren Mann eingesetzt – und fordert vehement Informationen über den Verbleib ihres Mannes.“ Das Ehepaar Joliot-Curie schreibt sogar ein Telegramm an Stalin selbst. 1940 kommt Fritz Houtermans dann plötzlich frei und wird nach Deutschland ausgeliefert. Nobelpreisträger Max von Laue, der seinem Kollegen in Berlin über den Weg lief, schrieb danach an Charlotte: „Er ist im Gesicht magerer als nach meiner Erinnerung früher, die Augen liegen tief, die Nase tritt umso mehr hervor. Er trägt noch denselben Anzug wie in Russland.“ Erst nach dem Zweiten Weltkrieg trifft sich das Paar wieder – die beiden heiraten 1953 erneut, aber die zweite Ehe währt nicht lang. Die sowjetische Haft, die NS-Diktatur und die Folgen haben die Liebe des Wissenschaftlerpaares zerstört.
Den Nachlass von Houtermans hat das Archiv des Deutschen Museums erst vor kurzem aus den USA bekommen – von einer Enkelin der Physikerin. Die Ausstellung ist das Ergebnis der ersten intensiven Sichtung dieses Nachlasses – und das erste Mal, dass man die Lebenszeugnisse der Physikerin zu sehen bekommt. Viele Briefe tragen Stempel, die zeigen, dass sie von Behörden der NS-Diktatur geöffnet wurden, verspätet zugestellt oder mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ zurückgeschickt wurden. Sogar von Eleanor Roosevelt, der Menschenrechtsaktivistin und Frau des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, ist ein Schreiben an Houtermans erhalten: „Ich freue mich so, dass ihr Mann frei ist und dass es ihm gut geht. Will er auch in die USA kommen?“ Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte.
Der zweite Teil der Ausstellung befasst sich mit dem Chemiker August Kekulé (1829–1896). Im Jahr 1865 entdeckte Kekulé die Ringstruktur des Benzols und sorgte damit für einen folgenreichen wissenschaftlichen Umbruch. Er will die Benzol-Struktur geträumt haben – wie eine „Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt“. Matthias Röschner: „So wie Charlotte Houtermans für die Wirrungen des 20. Jahrhunderts steht, steht Kekulé für den Aufbruch des 19. Jahrhunderts: Er war viel unterwegs und hat sich durch die Auslandsaufenthalte inspirieren lassen. Auch das ist ein Wissenschaftlerleben, das von alter und neuer Heimat bestimmt ist.“ In der Ausstellung zum „Tag der Archive“ werden die eindrucksvollsten Briefe, Fotografien und Dokumente aus den beiden Nachlässen gezeigt.
Ausstellung „Forschen und Leben in Zeiten des Umbruchs. Der Chemiker August Kekulé (1829–1896) und die Physikerin Charlotte Houtermans (1899–1993)“
Samstag, 7. März 2026 | 10.00–17.00 Uhr
Das Archiv des Deutschen Museums zu Gast im Universitätsarchiv der Ludwig-Maximilians-Universität München, Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München
Rahmenthema: „Alte Heimat – neue Heimat. Forschung in Bewegung. Dokumente und Fotografien aus Münchner Wissenschaftsarchiven“

Bild: Deutsches Museum, München | Hubert Czech
Bild 1/4
Brief von First Lady Eleanor Roosevelt an Charlotte Houtermans, 21. Oktober 1940
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Foto: Deutsches Museum

Bild: Deutsches Museum | Digitalisierung Susanne Schmidt
Bild 2/4
Zurückgewiesener Brief Charlotte Houtermans aus London an Fritz Houtermans (vermutet) in Moskau, März 1938.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: Deutsches Museum

Bild: Deutsches Museum
Bild 3/4
Karikatur des Chemikers August Kekulé, gezeichnet von Étienne Carjat, Heidelberg 1860.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: Deutsches Museum

Bild: Deutsches Museum | Digitalisierung Susanne Schmidt
Bild 4/4
Modell eines Benzolrings, das von Kekulé selbst benutzt wurde, ca. 1866.
Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk
Foto: Deutsches Museum