
Bild: Deutsches Museum
Eine Ikone der Automobilgeschichte wird 140
Das erste funktionsfähige Automobil mit Verbrennungsmotor: Am 29. Januar 1886 meldete Carl Benz das Patent auf seinen Motorwagen an.
Richtig beeindruckend sind die Leistungsdaten nicht: Weniger als ein PS brachte er auf die schmalen Räder, die Höchstgeschwindigkeit betrug eher 12 als 16 km/h, dafür brauchte er aber zehn Liter Benzin auf 100 Kilometer. Und er sieht auch nicht aus wie ein Auto, sondern wie ein Mittelding aus Fahrrad und Kutsche. Dennoch war der Benz-Motorwagen eine Revolution: Er gilt als erstes wirklich funktionsfähiges Automobil mit Verbrennungsmotor – eine Ikone der Automobilgeschichte. Und hat heuer 140. Geburtstag.
Der Benz-Motorwagen feiert in diesem Jahr ein doppeltes Jubiläum: Am 29. Januar 1886, also vor genau 140 Jahren, meldete der Ingenieur Carl Benz (1844 – 1929) das Patent für seinen „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ beim Kaiserlichen Patentamt an – das Patent ist also so etwas wie die Geburtsurkunde des Automobils. 20 Jahre später, am 13. März 1906, kam der Wagen dann ins Deutsche Museum. Heute ist er im Verkehrszentrum auf der Theresienhöhe ausgestellt: „Das ist ein Exponat, um das uns viele andere Museen beneiden“, sagt Bettina Gundler, die Leiterin des Verkehrszentrums.
Einen Motor in ein Fahrzeug einbauen – heute klingt das nach einer trivialen Aufgabe. Damals war es keine. Kleine, leistungsstarke Motoren, die sich für einen mobilen Einsatz eigneten, gab es einfach noch nicht. Man denke nur an den ersten Dieselmotor von 1896, der sich ebenfalls in der Sammlung des Deutschen Museums befindet. Der ist fast sechs Tonnen schwer und war nicht als Antrieb für ein Schiff oder einen Lkw gedacht, sondern als Dampfmaschinen-Ersatz für eine Fabrik.
Für ein Auto musste also ein Extra-Antrieb gebaut werden – und das ist Carl Benz‘ eigentliches Verdienst: Er konstruierte einen kleinen, wassergekühlten und schnell laufenden Ottomotor mit gut 100 Kilogramm Gewicht. Der Motor hatte fast einen Liter Hubraum, nur einen Zylinder und wurde mit Benzin betrieben. Wohlgemerkt nicht mit unserem heutigen Benzin, sondern mit Leichtbenzin aus der Apotheke. Tankstellen gab es ja noch nicht. Einen Zündschlüssel auch nicht: Angeworfen wurde der Motorwagen mit einem beherzten Drehen am hinteren Schwungrad. Und Pedale hatte er auch nicht: Links neben der Sitzbank befindet sich der Fahr- und Bremshebel. Einfach zu fahren war das Gefährt nicht, sagt Bettina Gundler: „Der Wagen war wegen des ,Heckmotors‘ hinten viel schwerer als vorne, deshalb hüpfte das Vorderrad auf den holprigen Fahrbahnen auf und ab.“
Bei der Konstruktion des Wagens griff Benz, selbst Radfahrer, auch auf Teile aus dem Fahrradbau zurück. Er bezog sie direkt bei der Firma Adler, einem bekannten Fahrradhersteller. Bettina Gundler: „Auch für den elektrischen Zünder musste Benz viel Zeit aufwenden: Er testete verschiedene Zündmechanismen – am Ende kam in seinem Patentwagen eine sogenannte Summerzündung zum Einsatz.“ Der Wagen war insgesamt sehr leicht und wog ohne Insassen nur 265 Kilogramm.
Der Lohn der erfinderischen Arbeit war allerdings spärlich: Einen Markt für Autos gab es noch nicht. „Die Menschen erschraken eher, wenn sie ein solches Gefährt sahen und hörten“, sagt Bettina Gundler. Den größten Erfolg hatten Benz-Motorwagen zunächst in Frankreich, das damals durch Sportveranstaltungen zum Vorreiter der automobilen Gemeinde in Europa wurde. 1889 reiste Benz zur Pariser Weltausstellung und stellte seinen Patentwagen und seine Motoren vor – was dort für viel Aufmerksamkeit sorgte.
Einen Anteil am Erfolg hatte auch Berta Benz, Benz’ Ehefrau. 1888 brach sie mit ihren Söhnen zu einer ersten „Fernfahrt“ von Mannheim nach Pforzheim auf – ohne ihrem Mann davon zu erzählen. Eine Spazierfahrt war das nicht: Die Drei hatten große Mühen, zu Benzin zu kommen und das Fahrzeug am Laufen zu halten. Aber am Ende bewältigten sie die knapp 100 km lange Strecke und belegten so nebenbei die prinzipielle Funktionstüchtigkeit der Benz-Dreiräder. Dennoch sind nur sehr wenige Exemplare des Dreirads gebaut worden. Zunächst gab es in Deutschland keine Nachfrage. Erst über den Umweg über Frankreich fand Benz Mitte der 1890er Jahre mehr Käufer für seinen „Patent-Motorwagen“. Seine Fahrzeuge hatte er inzwischen verbessert. Ab 1893 erhielten die Benzfahrzeug eine Achsschenkellenkung und waren nunmehr mit vier Rädern unterwegs.
Auch war zu dieser Zeit noch gar nicht ausgemacht, dass Benzin-Autos die Sieger des 20. Jahrhunderts im Konkurrenzwettbewerb der Technologien werden würden: Es gab daneben auch noch Dampfwagen und nach 1900 einen kleinen Boom von Elektroautos. Aber Benz blieb am Ball. „Seine Firma wurde zur Keimzelle der deutschen Automobilindustrie“, sagt Bettina Gundler.
Und wie kam der Patent-Motorwagen später ins Deutsche Museum? Und ist das Auto auch tatsächlich ein Original? Bettina Gundler hat sich auch mit dieser Frage auseinandergesetzt. Nach den letzten Fahrversuchen wurde der Benz-Patent-Motorwagen Nr. 1 zerlegt. Der Motor soll zunächst als stationäre Kraftmaschine in der Benz‘ Werkstatt weiter genutzt worden sein. 1895 wurde der Wagen wieder zusammengesetzt. „Welche Teile damals in der Werkstatt eventuell erneuert wurden, lässt sich heute schwer rekonstruieren“, sagt Gundler. Zumindest der Motor gilt aber als Original. Der Wagen wurde 1905 auf Ausstellungen, zuletzt in Chicago, gezeigt. 1906 stifteten der Erfinder und die Benz AG den Wagen dem kurz zuvor gegründeten Deutschen Museum. Er wird dort seit 1911 dauerhaft ausgestellt. 1925 führte eine der letzten Reisen von Carl Benz nach München: Er besuchte dabei auch das Deutsche Museum und wurde von Oskar von Miller persönlich durch die Ausstellungen geführt.
Übrigens kann man auch heute noch einen Benz-Motorwagen kaufen – als Nachbau, versteht sich. Das Auto kostet als aber „neuer Nachbau“ um die 150.000 Euro und hat keine Straßenzulassung. Wie auch schon 1886. Bis 1894 brauchte Benz in jedem Einzelfall eine behördliche Genehmigung für seine Ausfahrten.
Technische Daten des Benz-Motorwagens
- Motor: 1-Zylinder Viertaktmotor
- Hubraum: 984 ccm
- Leistung: 0,66 kW (0,88 PS)
- Höchstgeschwindigkeit: In der Theorie 16 km/h, in der Realität wohl eher 12 km/h
- Gewicht: 265 kg
- Verbrauch: rund 10 Liter auf 100 Kilometer

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Das erste funktionsfähige Automobil mit Verbrennungsmotor: der Motorwagen von Benz.
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Der Ingenieur Carl Benz.
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