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Sehen in/mit/durch Maschinen: Ein interdisziplinärer Dialog

Der Workshop widmet sich der Technisierung und den damit einhergehenden Verschiebungen von Sehpraxen und Wahrnehmungsordnungen im Zuge der Nutzung von telerobotischen Systemen und darin zunehmend integrierten Verfahren der algorithmischen Mustererkennung. In unterschiedlichsten Anwendungsfeldern wie der Medizin (z.B. roboterassistierte Chirurgie, KI-gestützte Endoskopie), der automatischen optischen Inspektion (AOI) in der industriellen Produktion, beim Einsatz (teil-)automatisierter militärischer Drohnen sowie in der Nutzung von Remotely Operated Vehicles (ROV) im Offshore-Bereich (z.B. Tauchroboter) oder im Weltraum entstehen hybride visuelle Arrangements, in denen menschliche Wahrnehmung mit verschiedenen bildgebenden Systemen, technischer Sensorik und automatisierter maschineller Ver- oder Aufarbeitung technisch-sensuell aufgenommener Informationen verschränkt wird. Im Workshop soll anhand empirischer und historischer Beispiele diskutiert und theoretisch reflektiert werden, wie solche Anwendungen nicht nur die Reichweite des menschlichen Blicks erweitern und von den leiblich-sinnlichen Bedingungen der Sehenden abstrahieren, sondern Praktiken, Verantwortlichkeiten und Formen des Sehens grundlegend und nachhaltig transformieren.

Aus soziologischer Perspektive rückt die Frage in den Vordergrund, wie sich Sehpraxen und professionelle Blicke (wie etwa der medizinische Blick) verändern: durch und in teleoperativen Umgebungen, durch und mit algorithmischer Mustererkennung und vor dem Hintergrund der Erfahrung mit digitaler Technik. Sehen, so die These, wird in diesen Settings zu einer kooperativen Leistung zwischen Menschen und Maschinen, in der Unterscheidungen zwischen Messen und Beurteilen, Erkennen und Interpretieren fortlaufend neu verhandelt werden, sich ggf. einspielen und verstetigen. Der Blick wird nicht länger ausschließlich durch körperlich-leibliche Wahrnehmung, sondern zunehmend auch durch Interfaces, Sensoren und algorithmische Entscheidungssysteme vermittelt – mit der Folge, dass er nicht mehr an das unmittelbare Hier der Sehenden und das synchrone Jetzt von Mensch und Maschine gebunden ist. Im Workshop soll anhand von historischen und aktuellen Beispielen nachgezeichnet werden, welche neue Formen der Aufmerksamkeitslenkung, des Vertrauens und der Kontrolle in soziotechnischen Praxen des Sehens entstehen. Gefragt wird ebenfalls, inwiefern sich die Anforderungen, das Verständnis und die Bewertung visueller Praxis und Arbeit sowie Verantwortung für die Ergebnisse verändern, etwa wenn technisch bedingt Zeitverzögerungen (Latenzen) zwischen dem praktisch als Einheit zu verstehenden Wahrnehmen-Sehen-Handeln auftreten.

Aus historischer Perspektive lassen sich diese Entwicklungen als Teil einer längeren Genealogie von technischen Sehmaschinen und Modellen des Sehens verstehen – von frühen Konzepten der Kybernetik, der Teleoperation und der Künstlichen Intelligenz bis zu heutigen, für Maschinen optimierten Infrastrukturen der visuellen Mustererkennung. Auch aus soziologischer Perspektive lässt sich hierzu die These aufstellen, dass Telerobotik nicht allein Distanz überbrückt, sondern epistemische, praktische und organisatorische Relationen zwischen Sichtbarkeit, Handlungsmacht und Verantwortung neu ordnet. Der Workshop fragt daher ebenfalls nach jenen Stellen, an denen Technik einen akteursähnlichen Status erhält, technische Eigendynamiken und Wechselwirkung mit lokalen Praktiken (etwa Klassifizierung, Clustering, Filtering etc.) beobachtet werden können . 

Der Workshop zielt darauf, diese Transformationen, Kontinuitäten und Brüche in den Trajektorien der Entwicklung aus einer kombinierten soziologischen und technikhistorischen Perspektive zu beleuchten. Im Zentrum stehen Fragen danach, wie sich Sehen als soziale und arbeitsteilige Praxis verändert, wenn Maschinen selbst zu Akteuren der Wahrnehmung werden; wie sich dadurch epistemische Ideale wie Objektivität oder Evidenzproduktion verschieben; und wie die Kopplung von menschlicher und algorithmischer Wahrnehmung neue Verantwortungsordnungen und Bewertungsmaßstäbe in z.B. Medizin, Militär und Forschung hervorbringt.

Leitfragen des Workshops sind:

  • Welche Formen des Sehens werden in telerobotischen Arrangements und algorithmischen Settings jeweils verwirklicht oder ausgeschlossen?

  • Wie verändern sich visuelle Praxen, wenn Sehen und Visualität zwischen Mensch, Bildgebungsverfahren und algorithmischer Mustererkennung verteilt ist?

  • In welcher Weise lassen sich historische und gegenwärtige Formen technisch realisierten Sehens zusammendenken, um die Transformation und Dynamik visueller Praxen in unterschiedlichen Feldern zu verstehen?

Indem der Workshop Telerobotik und algorithmischen Settings als Schnittpunkt von Wahrnehmung, Technik und Arbeit begreift, zielt er auf ein vertieftes Verständnis der Kopplung von Mensch und Maschine im Blicken und Sehen – und darauf, wie sich aus dieser Perspektive neue Felder soziologischer und historischer Forschung zur Verzeitlichung, Mediatisierung und Verkörperung des Blicks eröffnen.

Der Workshop wird aus Mitteln des DFG-geförderten Projekts „Artificial Vision at Work“ finanziert, das von Dr. Michael Heinlein (arbeits- und techniksoziologisches Projekt) und PD Dr. Rudolf Seising (wissenschafts- und technikhistorisches Projekt) geleitet wird.

Organisation

PD Dr. Marie-Kristin Döbler, Dr. Michael Heinlein, Judith Neumer (ISF München)

PD Dr. Rudolf Seising, Dr. Dinah Pfau (Deutsches Museum – Forschungsinstitut für Technik- und Wissenschaftsgeschichte)

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