

Bild: Deutsches Museum, Hubert Czech | Hubert Czech
Forschung in Bewegung
Einblicke in dramatische Lebenswege am Tag der Archive 2026
Von der abenteuerlichen Flucht einer Physikerin bis zum Geistesblitz eines Chemikers: Am Samstag, den 7. März 2026, gibt das Archiv des Deutschen Museums Einblicke in seine Schätze. In einer Sonderausstellung in der Universitätsbibliothek der LMU rücken zwei außergewöhnliche Nachlässe ins Rampenlicht, die zeigen, wie eng Wissenschaft und Zeitgeschichte verwoben sind.
Alle zwei Jahre gewähren Archive in ganz Deutschland einen Blick hinter die Kulissen, um ihre Arbeit und Quellen für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Zum bundesweiten Tag der Archive unter dem Rahmenthema „Alte Heimat – neue Heimat“ präsentiert das Archiv des Deutschen Museums diesmal Dokumente, die eindrücklich die wissenschaftliche Mobilität und die politischen Erschütterungen des 19. und 20. Jahrhunderts widerspiegeln.
Brief mit Zensurstempeln und dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ - Vorderseite. Bild: Deutsches Museum
Brief mit Zensurstempeln und dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ - Rückseite. Bild: Deutsches Museum
Eine Flucht wie im Politthriller: Charlotte Houtermans
Im Zentrum der Ausstellung steht der erst kürzlich aus den USA übernommene Nachlass der Physikerin Charlotte Houtermans (1899–1993). Erstmals wird ihre eindrückliche Korrespondenz der Öffentlichkeit präsentiert, die eine Geschichte von Mut und Beharrlichkeit erzählt. Houtermans studierte Physik in Göttingen und bewegte sich früh in einem internationalen Netzwerk bedeutender Forscher wie Robert Oppenheimer und Wolfgang Pauli. Doch ihr Lebensweg wurde durch die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts erschüttert: 1933 floh sie als Jüdin mit ihrem Mann Fritz vor den Nationalsozialisten, nur um in der Sowjetunion erneut in politische Verfolgung zu geraten.
Während ihr Mann im Zuge des stalinistischen Terrors verhaftet wurde, gelang Charlotte mit zwei kleinen Kindern eine abenteuerliche Flucht über Dänemark nach England und schließlich in die USA. Von dort aus engagierte sie sich unermüdlich für seine Freilassung und mobilisierte Nobelpreisträger wie Albert Einstein, Niels Bohr und Max von Laue für Unterstützerbriefe. Die im Archiv erhaltenen Dokumente lesen sich wie ein Polit-Thriller: Sie wandte sich direkt an den Generalstaatsanwalt der UdSSR, während das Ehepaar Joliot-Curie sogar ein Telegramm an Stalin sandte. Besonders bewegend ist ein Schreiben der First Lady Eleanor Roosevelt, in dem sie ihre Freude über die schließlich geglückte Freilassung von Fritz Houtermans ausdrückte. Die gezeigten Briefe mit Zensurstempeln oder dem Vermerk „Empfänger unbekannt“ machen die tiefen Spuren der jahrelangen Ungewissheit und Trennung greifbar.
„I am so glad to know that your husband has been released and that he is free and well. “
Modell eines Benzolrings, das von Kekulé selbst benutzt wurde, ca. 1866 Bild: Deutsches Museum
Träume und Aufbruch: August Kekulé
Den Kontrapunkt bildet der Chemiker August Kekulé (1829–1896), dessen Nachlass den wissenschaftlichen Aufbruch und die Mobilität des 19. Jahrhunderts veranschaulicht. 1865 löste er mit der Entdeckung der Ringstruktur des Benzols einen folgenreichen Umbruch weit über seine Disziplin hinaus aus. Berühmt wurde seine Schilderung, die Erkenntnis sei ihm im Traum durch das Bild einer sich in den Schwanz beißenden Schlange gekommen. Die Ausstellung beleuchtet jedoch, dass weniger Träume als vielmehr der intensive Austausch mit Kollegen wie Robert Bunsen, Emil Erlenmeyer und Adolf von Baeyer die wesentliche Rolle für seinen Erfolg spielten. So wie Charlotte Houtermans für die Verwerfungen ihrer Zeit steht, symbolisiert Kekulé den wissenschaftlichen Wandel in einer Ära industrieller Modernisierung. Auch sein Leben war von Reisen und wechselnden geistigen Heimaten geprägt – allerdings, im Gegensatz zu Houtermans, aus freiem Entschluss.
