Die moderne Welt fordert unseren Körper heraus: Ein schneller kultureller Wandel trifft auf langsame biologische Anpassungen. In Ländern, in denen Malaria-Infektionen eine tödliche Gefahr darstellen, hat sich eine genetische Mutation ausgebreitet: die Sichelzellanämie. Die Betroffenen haben veränderte rote Blutkörperchen. Diese weisen gegenüber den normalen Erythrocyten zwar Nachteile auf, bieten aber gleichzeitig Schutz vor Malaria. Es ist das Beispiel einer Krankheit, die vor dem Tod schützen kann - ein Zusammenhang, den die Wissenschaft erst seit 1954 versteht.
Auch Lactose-Intoleranz, Glutenunverträglichkeit und Überempfindlichkeit gegen Alkohol sind Beispiele für genetische Mutationen. Um diese Zusammenhänge zu verstehen, untersucht die evolutionäre Medizin die biologische Geschichte unserer körperlichen und geistig-seelischen Eigenschaften sowie die Koevolution zwischen Genen und Kultur. Dabei wird deutlich, wie sehr wir von Anpassungen geprägt sind, die sich in ferner Vergangenheit geformt haben: Sie reichen von Geburt und frühkindlicher Entwicklung über unsere Stressbewältigung und kognitiven Prozesse bis hin zum Suchtverhalten. Die sehr schnelle kulturelle Entwicklung - vor allem seit der Industrialisierung - hat zu einem "Mismatch" geführt: Teilweise passen wir nicht mehr richtig in die Umwelt, in der wir leben.
Vortragender
Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel
Prof. Dr. Wulf Schiefenhövel ist Mediziner und Anthropologe am Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz in Seewiesen sowie Professor an der LMU München. Er widmete sich bereits in den 1960er-Jahren der ethnomedizinischen Forschung in Papua New Guinea und leitete umfangreiche interdisziplinäre Programme in West-Neuguinea, Indonesien. Seither machte er langjährige anthropologische Felduntersuchungen im Sprachgebiet der Eipo, zuletzt 2025. Wulf Schiefenhövel arbeitet derzeit als Gastdozent an den Universitäten Innsbruck und Groningen und ist Autor, Mitautor und Herausgeber zahlreicher Bücher und ethnographischer Filme.
Livestream
Der Vortrag wird auf dem YouTube-Kanal des Deutschen Museums live gestreamt und bleibt auch nach der Übertragung verfügbar
Bild: Tulp Design für Deutsches Museum
