Direkt zum Seiteninhalt springen

Nobelpreisträger mit 32 Jahren

Der gebürtige Pasinger Rudolf Mößbauer hat bei vielen Gelegenheiten den großen Einfluss des Deutschen Museums auf seinen Lebensweg betont; schließlich sei er durch das Museum zu seiner Berufswahl gekommen. Unserem Haus blieb er sein Leben lang verbunden. Im Februar 2002 hielt er in der Reihe der „Wintervorträge“ des Deutschen Museums seinen letzten Vortrag zum Thema „Physik der Neutrinos. Geisterteilchen der Atomphysik“. Das Plakat der Vortragsankündigung hing bis zur Nachlassübernahme in seinem Arbeitszimmer. Und ein Foto, das die Witwe unserem Archiv geschickt hat, zeigt ihn, schon von seiner Krankheit gezeichnet, mit einem Enkel beim Besuch im Deutschen Museum. Es war Professor Mößbauer wichtig, die Protokollbücher zu seiner Nobelpreis-Entdeckung in unserem Haus verwahrt zu wissen. Seine Frau hat diesen Wunsch eingelöst und mit der Übergabe des gesamten Nachlasses dafür gesorgt, dass zu diesem herausragenden Wissenschaftler künftig geforscht werden kann.

Mößbauers Lebensweg führte ihn nach Abschluss seines Physikstudiums an das Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg, wo er in Zusammenhang mit seiner Dissertation „Kernresonanzfluoreszenz von Gammastrahlen in Ir-191“ diejenigen Experimente realisierte, die zur Entdeckung und Deutung der „rückstoßfreien Resonanzabsorption von Gammastrahlung“ führten, wie er in einem handschriftlichen Lebenslauf formulierte. Diese Beobachtung ist als der „Mößbauer-Effekt“ in die Physikgeschichte eingegangen. Großen Einfluss auf seine Forschungen hatte Heinz Maier-Leibnitz (1911–2000), dessen umfangreicher Nachlass sich ebenfalls im Archiv des Deutschen Museums befindet. Für seine Entdeckung wurde Mößbauer 1961 mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Damals war er gerade 32 Jahre alt.

Die Bedeutung des Mößbauer-Effekts greift heute weit über die Physik hinaus und findet auch in der Materialforschung, Biophysik, Chemie, Geologie, Archäologie und in der Raumfahrtforschung breite Anwendung. Ein mit einem Mößbauer-Spektrometer bestückter Roboter konnte auf dem Mars erstmals wasserhaltige Eisenverbindungen feststellen.

Hochschullehrer und Forscher

Von 1960 bis 1964 forschte und lehrte Mößbauer am California Institute of Technology in Pasadena, bevor er an die Technischen Hochschule München berufen wurde, wo er bis zu seiner Emeritierung arbeitete. Seine Rückkehr nach Deutschland und nach München hatte er dabei von der Einführung des Department-Systems, also vom Verzicht auf eine hierarchische Institutsleitung, abhängig gemacht. Zwischenzeitlich – von 1972 bis 1977 – war Mößbauer Direktor am Institut Laue-Langevin (ILL) in Grenoble. Dort nahmen auch seine Forschungen zu Neutrinos ihren Anfang, die 1977 am ILL zum ersten europäischen Experiment bei der Suche nach Neutrino-Oszillationen führten. Mit der Neutrinoforschung betrat Mößbauer damals wissenschaftliches Neuland.

Der Nachlass umfasst rund sieben Regalmeter. Schwerpunkte sind Unterlagen zu Vorlesungen, Übungen und Vorträgen. Für diese hat Mößbauer in feinsäuberlicher Handschrift unzählige Folien vorbereitet. Die Lehre war für Mößbauer mindestens ebenso wichtig wie die Forschung. Daher hat er bisweilen bei der Berufsbezeichnung statt „Physiker“ die Bezeichnung „Hochschullehrer“ eingetragen. Seine faszinierenden Vorlesungen waren legendär und beeinflussten viele Studierende. Aus seiner Forschungstätigkeit sind die Protokollbücher seiner Experimente zum Mößbauer-Effekt und zur Neutrino-Forschung von großer Bedeutung. Leider hat Mößbauer bei seiner Emeritierung den Hauptteil seiner Korrespondenz persönlich vernichtet, sodass im Nachlass kaum Briefwechsel überliefert sind. Einen beachtlichen Teil nehmen die zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen ein, die Mößbauer im Laufe seines Lebens erfahren hat. Neben dem Nobelpreis wurden ihm allein zehn Ehrendoktorwürden verliehen. Er gehörte u.a. dem altehrwürdigen Orden Pour le Mérite und der von ihm sehr geschätzten Pontificia Academia Scientiarum an. Ergänzt wird der Bestand durch Mößbauers Publikationen, durch Fotografien und Filmaufnahmen; sie werden von der Witwe sukzessive übergeben.

Besonders danken möchten wir Frau Christel Mößbauer für die harmonische Zusammenarbeit bei der Übergabe. Sie hat mit dem Nachlass von Rudolf Mößbauer den im Archiv des Deutschen Museums intensiv gepflegten Schwerpunkt Geschichte der Physik weiter gestärkt.